INTERVIEWS MIT THÉRÈSE MAJOR

 

Der Sprung


Wie ein einziger Kopfsprung in flaches Wasser das Leben für alle Zeit verändern kann, davon kann Floris de Vries (23) aus Meppel (NL) ein Lied singen. Es passierte ihm vor mehr als fünf Jahren. Er machte einen Kopfsprung in ein Gewässer mit einer Tiefe von nur einem halben Meter, schlug unglücklich auf und erlitt eine Querschnittslähmung. Seither ist er auf den Rollstuhl angewiesen.

"Ich fand es außergewöhnlich, dass jemand über mich ein Buch schreiben wollte," erzählt Floris. Thérèse ihrerseits war sehr von der Tatsache beeindruckt, dass Floris sein Leben nach dem Unfall so gut in den Griff bekam. Er entschied sich für eine Ausbildung zum Assistenzbauzeichner, die er erfolgreich absolvierte. Diese Arbeit kann er ganz am Computer verrichten und das ist für ihn praktisch, weil es ihm seit dem Unfall schwerfällt, Arme und Hände zu benutzen.

Thérèse entschloss sich, Floris, seine beiden Brüder und seine Schwester mit Hilfe von Fragebögen zu interviewen. Die Eltern und seine Freundin kamen ebenfalls ausführlich zu Wort. "Das Buch besteht aus Kapiteln mit mehreren kurzen Fragmenten, in denen sich die Betroffenen äußern. Wenn man erfahren möchte, wie seine Eltern dieses Trauma erlebten, wie Floris als Kind war oder was während der Rehabilitation alles geschah, so lässt sich das kinderleicht durch vor- oder zurückblättern finden."

Floris und seiner Familie fiel es, wie sich herausstellte, besonders schwer, die damaligen Ereignisse erneut zu durchleben. Dennoch waren alle bereit, am Buch mitzuwirken. "Einer der Gründe, weshalb ich diese Geschichte erzählen wollte, ist der, dass ich andere junge Leute warnen möchte. In einem Land wie den Niederlanden gibt es viele Gewässer und Sprünge von Ufern und Brücken sind hier bei Jugendlichen gang und gäbe. Erleidet man im Wasser einen Genickbruch und wird nicht schnellstens gerettet, ist es ziemlich logisch, dass man ertrinkt. Wenn durch dieses Buch nur ein einziger Mensch, der das sonst bestimmt gemacht hätte, von einem Kopfsprung in flaches Wasser absieht, dann wäre das schon phantastisch," sagt Floris.

Er betont, dass die Tatsache, dass er nun Rollstuhlfahrer ist, seine Persönlichkeit nicht verändert hat. "Ich bin noch genau derselbe Floris wie vorher und treibe immer noch gerne Schabernack."

"Ich wollte keine Sensationsgeschichte schreiben," sagt Thérèse. "Deshalb wollte ich nicht nur den Unfall, sondern auch Floris als Person und seinen Hintergrund aufzeichnen. Ich möchte zeigen, dass das Leben auch mit einer Querschnittslähmung weitergeht."

"Viele glauben nämlich, dass ich jetzt nichts mehr tue," ergänzt Floris, "aber auch ich habe einen Alltag! Ich habe eine Freundin, entwarf meine eigene Wohnung – neben meinen Eltern – und suche eine Stelle als Assistenzbauzeichner beispielsweise in einem Architekturbüro."

Am Surfstrand, an dem alles geschah, war er seit jenem verhängnisvollen Tag nicht mehr. "Es ist unglaublich konfrontierend für mich. Ich möchte da gerne noch mal hingehen, aber jetzt noch nicht. Schließlich hat sich mein Leben an eben jenem Ort für immer geändert."
Meppeler Courant
 Marianne Wegenaar


Was Meine Mutter Nicht Weiß


Übereinstimmungen erkennt man schnell. Thérèse Major (1957) hat einen ungarischen Vater und eine niederländische Mutter. Genau wie die Mutter von Johnny Mooiweer, der zehnjährigen Hauptperson in Was Meine Mutter Nicht Weiß. Aber machen Sie nicht den Fehler, die Geschichte als autobiographisch anzusehen. "Meine eigene Geschichte ist eine ganz andere Story," lacht die Kinderbuchautorin aus dem niederländischen Meppel […].

Nach einigem Zögern gibt sie zu, dass es schon Berührungspunkte gibt. "Mein Vater floh nach Kriegsende in die Niederlande. Er war in einem norddeutschen KZ und wollte nicht nach Ungarn zurück. Er fand Unterschlupf in einem Übergangslager in der Nähe von Scheerwolde, heiratete eine Schönheit aus Giethoorn und hatte mit ihr sechs Kinder. Davon war ich das vierte," sagt Thérèse Major.
Über die Vergangenheit sprach man nicht bei Familie Major. "Das war schon ganz merkwürdig, weil man in Giethoorn, vor allem zur damaligen Zeit, alles voneinander wusste. Alle wussten also mehr über meinen Vater als ich. Bei uns wurde nicht darüber gesprochen, was mein Vater alles durchmachen musste. Erst als ich etwa zehn Jahre alt war, wurde ich neugierig und begann Fragen zu stellen. Aber mein Vater wehrte immer ab."

Schrittweise gelang es ihr das Rätsel zu lösen. "Dabei darf man nicht vergessen, dass Ungarn zu der Zeit, in den Sechzigerjahren, hinter dem Eisernen Vorhang lag. Erst 1988, als der Kalte Krieg zu Ende war, fuhren meine Schwester und ich erstmals nach Ungarn. Wir erlebten einen regelrechten Kulturschock. Unser Bestimmungsort war ein russisch anmutendes Gelände mit grauen Mietskasernen, wo unsere Tanten wohnten, die wir so gar nicht kannten. ‚Willkommen daheim,’ sagte meine Tante Böszi."

Dieser Hintergrund war die Inspirationsquelle für Was Meine Mutter Nicht Weiß. Die Geschichte spielt fast vollständig in Ungarn, während sich Thérèse Major verzweifelt fragte, "welches niederländische Kind, um Himmels Willen, an Ungarn interessiert sein könnte." Da sagte ein Redakteur des Verlages Querido, ihn interessiere es zu erfahren, wie es Johnny im Land seiner Mutter ergangen sei. Mit der Aussicht auf diesen bevorstehenden Urlaub endet Thérèse Majors erstes Buch über Johnny Mooiweer.

"Ein zweites Buch zu schreiben ist viel schwieriger. Es ist einfach fürchterlich," seufzt Thérèse Major. "Ein Erstlingswerk schreibt man, schickt es an einen Verlag und hofft, dass es veröffentlicht wird. Aber dann," seufzt sie erneut. "Man hat etwas angefangen. Und wie soll es nun weitergehen? Die Hauptfigur muss sich weiterentwickeln. Dieses Buch sollte perfekt sein. Darüber habe ich mir den Kopf zerbrochen, aber nach vielen Gesprächen und langem Überlegen entstand letztendlich Was meine Mutter nicht weiß. Ich habe zwei Jahre dafür gebraucht und bis zum letzten Augenblick wurden noch Änderungen daran vorgenommen."

In Was Meine Mutter Nicht Weiß fährt Johnny Mooiweer mit seiner Mutter, seinem Vater und seinem Bruder David in Urlaub nach Ungarn. Sie übernachten bei Tante Pati und Onkel Attila, deren Tochter Juliska und der alten Tante Eszter, einer Schwester von Johnnys dementem Großvater Horváth. In den Ferien macht sich Johnny Mooiweer auf dem Dachboden seiner ungarischen Familie auf die Suche nach dem Geheimnis. In einer Truhe findet er alte Dokumente, denen zu entnehmen ist, dass seine Mutter nicht die Tochter von Horváth und der Petra aus Groningen – wie sie glaubt – sondern von Horváths Schwester Marika und ihrem kommunistischen Geliebten. Eine schreckliche Entdeckung, und obwohl Johnny sich der Folgen noch nicht recht bewusst ist, weiß er doch, dass es etwas ganz Schlimmes sein muss.

"In der Mutter von Johnny schlummert etwas Unbekanntes. Sie grübelt. Das ist der Grund, weshalb man manchmal glaubt, sie sei faul und apathisch, aber unbewusst tanzt sie auf dem Vulkan. Das kann lange gutgehen, aber eines Tages fällt man hinein." Jedes Kind hat das Recht, zu wissen, woher es stammt, dessen ist sich Thérèse Major sicher. In diesem Fall befindet sich ein Kind in der Situation, das das Geheimnis entdeckt. Johnny findet heraus, wer seine Mutter ist und wer sein Großvater war. Daraufhin stellt er sich auch die Frage, wer er eigentlich ist. Eine wichtige Frage, meint Thérèse Major.

Als Erzieherin reinsten Wassers (Major ist Lehrerin und Mutter von vier Kindern) erhofft sie sich mit ihrem Buch ein ‚Stück Bewusstwerdung’. Sonst wäre es keine Literatur, sondern Donald Duck. Der reine Konsum: Nur Füllung nicht Nahrung.
Und nach kurzem Nachdenken über das soeben Behauptete ermahnt sie sich: "Schäm dich, Major! Trag nicht so dick auf!"
Twentsche Courant Tubantia / Zwolsche Courant / Utrechts Nieuwsblad
(Kurzfassung) Marjon Kok

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